„Ich fühle mich so gesegnet!“ - Erna Gogesch, die jüngste Kirchengemeinderätin, im Portrait

„Ich hatte es mir gewünscht und Jesus auch darum gebeten, mir einfach mal eine Ruhephase zu schenken, um mehr Zeit für ihn zu haben – und dann war die Zeit auf einmal da!“ Man sieht Erna Gogesch die Verblüffung über das zwei Monate zuvor Erlebte an. Sie strahlt, als sie erzählt, wie ihr bisheriger Arbeitgeber, in dessen Immobilienbereich sie über sechs Jahre lang für Baurecht zuständig gewesen war, ihr Ende Mai eröffnete, sie (und zahlreiche andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) bis zum Jahresende freizustellen. Was andere in dieser Zeit des Achterbahnfahrens als Looping oder freien Fall empfunden hätten, war - und ist noch immer! - ein Herzenswunsch, der erhört und erfüllt wurde. Aus sechs Wochen Jahresurlaub, von denen jeder Tag so kostbar war, dass genau überlegt werden musste, für welche Freizeit, für welches Fasten- und für welches Bibelseminar er investiert wird, wurden sieben Monate, in der sie Fülle, Gelassenheit und inneren Reichtum erlebt, wie sie es bisher nicht kannte.

Im denkwürdigen Jahr 1990 zog Erna Gogesch mit ihren Eltern und ihrem ein Jahr älteren Bruder aus Weingartskirchen in Siebenbürgen in die „BRD“, wie die westlichen Länder Deutschlands im offiziellen Sprachgebrauch hießen. Für die damals Neunjährige waren die Monate in verschiedenen Aufnahmelagern in Empfingen, Esslingen und Kirchheim unter Teck eine Episode, die sie damals ganz im Hier und Jetzt erlebte. Heute, gut 30 Jahre später, rücken Abschiedsschmerz, Unsicherheit und Trauer über den Verlust ihrer heimatlichen Wurzeln viel stärker ins Bewusstsein. Diese - Außenstehenden kaum erklärbare - Sehnsucht nach dem dörflichen Miteinander, der starken Verbundenheit werktags wie sonntags, bei der Arbeit wie beim Feiern, flutet immer wieder Herz und Bauch.

Damals blieb für so etwas kein Raum: Eltern wie Kinder richteten, kaum in Stuttgart in der ersten Wohnung angekommen, ihren Fokus rasch auf die Arbeit, auf die Schule, auf das Ankommen. „Unser Glück war, dass wir immer zu Hause deutsch gesprochen hatten“, sagt Erna Gogesch. So fiel der Familie die Integration leicht, hatten die Kinder in der Grundschule und auf dem Wirtschaftsgymnasium keine Probleme. Rumänisch beherrscht sie dennoch fließend, auch wenn sie diese Fähigkeit mit einer Handbewegung wegzuwischen scheint.

Die zarte junge Frau bewies dann während des Jurastudiums in Tübingen ihre Ausdauer. Nach den Jahren im dortigen Studentenwohnheim und dem Referendariat in Ellwangen zog sie wieder Richtung Stuttgart, wo ihre Eltern und ihr Bruder nach wie vor lebten. Sie bewarb sich bei einer Unternehmensgruppe in Neckarsulm, die später einen Teil nach Möckmühl auslagerte, und pendelte mit dem Dienstwagen täglich hin und her. „Viel Zeit und viel Energie blieb da jeden Tag auf der Strecke“, sagt sie leise. Zum Nachdenken blieb wieder nur wenig Zeit. Wie im Hamsterrad bewegte sie sich rastlos zwischen Beruf und anderen Pflichten. „Ich habe jetzt erst in den vergangenen beiden Monaten gemerkt, was für ein Tempo ich gelebt habe, wie immer alles schnell-schnell und möglichst zeitgleich gehen musste, wie ausgelaugt ich aber auch war“, erzählt sie.

200826 Bild Gogesch redIhre Verbundenheit zur Stiftskirchengemeinde, Gespräche mit dortigen Vertrauten und ihre hübsche kleine Wohnung im gemütlichen Korntal mit den angrenzenden Feldern und der Weite des Horizonts boten Inseln der Entspannung, des Ausgleichs. Prälat i.R. Ulrich Mack ermutigte sie, als Kirchengemeinderätin zu kandidieren. Aller inneren Unsicherheit zum Trotz trat sie an und wurde gewählt. Noch eine Aufgabe, die sie gewissenhaft erfüllt. Ihre entzückenden kleinen Nichten brachten sie an den Wochenenden zum Lachen und auf andere Gedanken. Auf Gedanken, dass da noch mehr sein könnte und müsste …

Aber das „Mehr“ nahm dann zunächst gänzlich andere Gestalt an als erhofft: im März erkrankte Erna Gogesch schwer an einer grippalen Infektion; einschließlich eines Erstickungsanfalls. Ob es „Covid 19“ war? Sie weiß es nicht. Damals wurde nur sehr gezielt getestet. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich schwer krank und wusste nicht, wie es weiter gehen würde. „Meine Zeit steht in Gottes Händen – aber ersticken will ich bittebitte nicht“. Dann fiel ihr ihr Konfirmationsspruch wieder ein: „Denn siehe, ich komme und werde in Deiner Mitte wohnen, spricht der Herr“ (Sacharja 2, Vers 14). Und sie lud Gott ganz bewusst zu sich ans Krankenbett ein. Am nächsten Tag war das Schrecklichste überstanden. Sie konnte wieder atmen und atmete auf. Um das Überleben zu kämpfen führte Erna Gogesch in einen anderen Bewusstseinszustand, als sie es von ihrem bisherigen Leben her kannte: einem temporeichen durchgetakteten Funktionierenmüssen. Deshalb kann sie jetzt die Ruhe genießen. Und das Geschenk des Lebens neu fühlen. „Meine Liste, wofür ich dankbar bin, ist soooooo lang“, lacht sie: „ich fühle mich so gesegnet.“ Man sieht es ihr an.

„Was hat Gott mit mir vor, wohin führt er mich?“ fragt sie sich momentan des öfteren und lacht dabei. „Eine spannende Zeit – aber ich fühle mich überhaupt nicht unsicher oder voller Zweifel, sondern ich lebe im vollen Vertrauen darauf, dass es gut weiter gehen wird.“ Aus ihrem bisherigen Job pflegt sie noch viele Kontakte zu lieben Kolleginnen und befreundeten Kollegen. „Es war eine gute Zeit, und es ist gut, dass nun etwas Neues kommen wird.“

Die Sommermonate nutzt Erna Gogesch für Bibel- und Fastenwochen, unter anderem in Bad Urach, und für intensive Gespräche innerhalb der Stiftskirchengemeinde. Das Seelsorgerische liegt ihr sehr am Herzen. Und es passt auch zu ihr. Die mit großem Abstand jüngste Kirchengemeinderätin spürte in den Monaten, in denen vor allem die älteren Mitglieder der Gemeinde von Einsamkeit heimgesucht wurden, von welch zentraler Bedeutung die Seelsorge bei allen Aufgaben haupt- und ehrenamtlich Engagierter ist. Kein Gottesdienst, kein Abendmahl, keine Stiftsmusik, kein Posaunenchor luden zu gemeinsamem Beten, Singen, Spüren und Sinnieren ein. Wie ein gefühlter Eispanzer legte sich die Einsamkeit um die Herzen und drang in die Seelen der Menschen ein, die aber kaum wagten, das offen zuzugeben. Schwäche zu zeigen, ist uncool; quer durch alle Alters- und Geschlechtergruppen.

„Kirche hat eigentlich die Aufgabe, sich um die Seele der Gemeindeglieder zu sorgen“, sagt sie nachdenklich. Geht es doch darum, Menschen bei ihren ganz realen Ängsten, Sorgen, Zweifeln, bei Trauer und Sehnsucht, bei Irrungen und Missverständnissen, bei Schuldgefühlen, Einsamkeit und Versagensgefühlen beizustehen; für sie zu beten, mit ihnen um Aussöhnung oder Vergebung zu bitten. Hier anzusetzen, ist Erna Gogeschs Antrieb; nicht nur sonntags und nicht nur innerhalb der Kirchengemeinde, sondern auch bei ihrem früheren Job. Es ist kein lautes Wirken im Außen, es ist eher ein stilles Wirken zwischen Zweien, bei denen Gott dabei sein will.

Und so ist es nur konsequent, dass sie der Stiftskirche – hätte sie denn diesen Wunsch frei – wünscht, sich trotz der besonderen Aufgabe als zentrale Landeskirche auch weiterhin auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren und sich nur sekundär von gesellschaftspolitischen Strömungen leiten zu lassen.


Und hier noch ein paar Fragen der anderen Art:


Gerechtigkeit bedeutet für mich …

… uups, eine spannende Frage für mich als Juristin. Ich glaube, dass jede menschliche Einordnung oder Erkenntnis von Gerechtigkeit nur ein Stückwerk sein kann, verglichen mit Gottes Gerechtigkeit.

Sicherheit finde ich in …
Jesus!

Ihre Lieblingsfarbe ist …
Blau!

Auf welche Insel reisen Sie besonders gern?
Ich finde Kreta wunderschön, traumhafte Strände, viel Kultur, spannende Architektur mit Einflüssen aus vielen Ländern und Epochen, leckeres Essen!

Apropos Essen: was essen Sie am liebsten?
Alle Pastagerichte der italienischen Küche, aber auch aus der griechischen vor allem das Fleisch und den Fisch.

Heimat ist für mich …
… wenn ich nach Rumänien fahre, taucht an einer bestimmten Kurve plötzlich die Kirche meines Heimatortes auf, die in die Hügel eingebettet ist. Wenn ich dieses Bild sehe, geht jedes Mal mein Herz auf. Aber eigentlich liebe ich auch Stuttgart. Ich habe wohl mehrere „Heimaten“…

Ihre Lieblingsmusik?
Die ganz alten Kirchenlieder, die zum Teil modern und neu aufgenommen worden sind – bei ihnen fühle ich mich getragen, geborgen und zuhause.

Und Ihr Lieblingsmaler?
Der Impressionist Camille Pissarro.

Wenn eine gute Fee käme und Ihnen einen Herzenswunsch erfüllen wollte …
… dann wäre es der Wunsch, noch besser, noch intensiver auf Gottes Stimme lauschen zu können und mich seinen Botschaften zu öffnen.