Citydiakonin Cornelia Götz – Portrait einer „Ruheständlerin“

„Ich vertrete mich einfach selber!“

Brütende Hitze umhüllt die Stiftskirche. Innen atmet man die angenehm dumpfe, stille Kühle alter, schwerer Steinmauern und behauener Fußböden. Die Besucherpaare und -gruppen in Kirchenschiff und Chorraum merken nichts von dem Bienenfleiß, der grade in der Sakristei herrscht. Cornelia Götz steht am Tablet und schreibt; dabei spricht sie mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kirchenwacht und beobachtet aus dem Augenwinkel, wie der Stiftspfarrer mit einigen Kirchengemeinderatsmitgliedern Stühle wegträgt. Ein ganz normaler Mittwochvormittag, könnte man meinen. Wäre Cornelia Götz nicht offiziell seit genau 100 Tagen im Ruhestand.

Ob der Ruhestand auch einem krisenauslösenden Virus zum Opfer gefallen ist? Cornelia Götz lacht hell auf. „Nein nein, ich vertrete mich nur zurzeit noch selbst“, sagt sie. Wie? Was? Fuß oder Beine kann man sich vertreten – aber sich selbst? „Es ist so viel Arbeit, das kann einfach nicht liegenbleiben. Zum einen steht im Frühherbst die Konfirmation bevor, dann haben wir kurzerhand Bilder von Christine Hecht zum Sonnengesang von Franz v. Assisi für eine Sommer-Ausstellung bekommen, diese Ausstellung will geplant und aufgebaut sein, dann ist „Sommerakademie“, gestern fand ein themenbezogener „Stadtspaziergang“ statt – all ́ das muss ja jemand machen“, sagt Cornelia Götz und nickt nebenbei einer Vorbeigehenden zu, die einen Satz an sie richtet.

Als Diakonin der Stuttgarter Citykirchenarbeit war es ihr während der vergangenen sieben Jahre gewiss nicht langweilig geworden. Wann immer Rat und Tat gebraucht wurde: Cornelia Götz sagte selten nein. Ob es Flüchtlinge waren, Menschen die zur Seelsorge kamen, ob Sonderaktionen in der Vesperkirche, Ausflüge oder Aktionen zu planen waren, sie packte fröhlich zu. Der Aufbau des besinnlichen Adventsweges, des opulenten Erntedank-Altars, die „Stadtspaziergänge“, das Plätzchenbacken und die liebevolle Tischdekorationen für Gemeinde- und Dankesfeste aller Art: ohne die Diakonin wäre vieles wesentlich schmaler ausgefallen.

Apropos schmal: ob die vielen Hilfegesuche dazu führen, dass man so agil und schlank wird? Wieder lacht sie ihr herrlich herzliches Lachen: „Die drei Monate, in denen ich vor sieben Jahren abwog, ob ich wirklich nach 30 Jahren meinen Beruf als Religionslehrerin am Evangelischen Mörike-Gymnasium aufgebe um Citydiakonin zu werden, haben mich ziemliche Entscheidungskraft gekostet, das bewirkte die unfreiwillige Schlankheitskur“.

Cornelia Götz

Wie bedacht sie berufliche Wechsel erlebte und vollzog wird mehrmals in ihrer Geschichte deutlich. Nach Schulabschluss in ihrer hohenlohischen Heimatgemeinde Blaufelden hatte sie gerade die Ausbildung zur Erzieherin mit dem Anerkennungsjahr in Schrozberg beendet, als ihre Mutter schwer erkrankte. Keinen Moment zögerte sie, um im elterlichen Geschäft auszuhelfen. Nach diesen zwei Jahren wollte sie „ganz weit weg“. Zumindest vom Inhalt ihrer Tätigkeit her wurde es ein einschneidender Tapetenwechsel, auch wenn er geographisch „nur“ nach Korntal führte: Im Alter von 22 Jahren für eine Gruppe Kinder und Teenager Verantwortung zu übernehmen, ist eine Herausforderung, an der sie in Höchstgeschwindigkeit wachsen und reifen konnte. Hätte sie als älteste Tochter einer insgesamt fünfköpfigen Kinderschar nicht von klein auf gelernt, sich höchstens am älteren Bruder zu orientieren, ansonsten aber auf die Kleinen zu achten, hätte sie die Herausforderung sicher nicht so gemeistert.

Vier Jahre lang dauerte diese intensive Zeit in Korntal – mit 24-stündiger Einsatzbereitschaft für ihre elfköpfige Gruppe und unersetzlich wertvollen Erfahrungen.

Eine Veränderung innerhalb ihrer Kindergruppe im Heim öffnete sehr überraschend die Tür für einen neuen Weg. Die unvermittelte Frage des Bruders: „Warum unterrichtest du eigentlich nicht Religion?“ erschien zunächst eine absurde Frage, fern ihrer Realität zu sein. Aber diese Frage keimte, schlug Wurzeln, nagte im Innern. „Wohin führst Du mich, mein Gott?“ so ihre Frage dann an Gott!

Ein angebotener freier Studienplatz auf der Karlshöhe Ludwigsburg ermöglichte es ihr im Hauptstudium den Abschluss als Diakonin mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik zu absolvieren.

30 Jahre lang kamen die Gymnasiasten der Sekundarstufe I des Evangelischen Mörike-Gymnasiums in den Genuss der Früchte dieser Richtungsänderung. Cornelia Götz hatte ihren Beruf – ihre Berufung – gefunden und lebte sie engagiert und begeistert aus. Ja – und dann, in einem Alter, in dem andere über Vorruhestand nachdenken, kam die Frage, die auch körperlich an ihr zehrte. Der damalige Stelleninhaber Wolfgang Nebel, war – so hatten es einige Gemeindemitglieder zumindest empfunden – quasi über Nacht zur Kirchentags-Vorbereitung abberufen worden, und die Vakanz bis zum Eintreffen Cornelia Götz ́ war spürbar. „Mein Gott, wohin führst Du mich?“ fragte sie erneut in Nächten des Ringens, des Abwägens und Prüfens. Gott schenkte Zuspruch und inneren Frieden.

Diese berufliche Veränderung brachte den Citygemeinden neuen Reichtum: eine lebendige, gestalterische, aktive, zupackende Diakonin, die vor Schmutz und Scherben ebenso wenig zurück schreckt wie vor geistigem und theologischem Diskurs, die Powerpoint-Präsentationen und Schnitzeljagden ebenso gerne zusammenstellt wie sie Kurzgottesdienste und Mittagsgebete hält. Der Not der Menschen in der Seelsorge ihr Ohr leihen und in der Fürbittediese vor Gott bringen zu dürfen, erlebt sie heilsam und als Geschenk. Bei Gott allen Raum zu bekommen und die befreiende gute Nachricht SEINES heilschaffenden Wirkens zu genießen, dies ist für sie Lebenselixier, das sie auch gerne weitergibt.

Obwohl ihr Dienstauftrag nur zu 40 Prozent Aufgaben der Stiftskirche umfasst, hält sie diese Kirche und ihre Gemeinde für etwas ganz Besonderes,durchaus auch für etwas Eigen-Artiges. „Klassisches Gemeindeleben findet eigentlich nur bei den Gemeindefesten und in den kleinen Gruppen und Kreisen statt“, sagt sie. Die Gemeinde lebt zerstreut über das ganze Stadtgebiet. „Hilfsbereit sind hingegen ganz, ganz viele. Rund 100 Menschen bringen mit ihren Gaben, ihrer Zeit und Kraft erfrischendes Leben in die Kirche; dieses ehrenamtliche Engagement ist ein Segen.“ Sie erinnert sich daran, wie Pfarrer i.R. Konrad Eißler einmal die Stiftskirche mit einer Tankstelle verglich, vor die die Menschen am Sonntag zum Gottesdienst oder unter der Woche vorfahren, kurz auftanken und wieder weiter fahren. In dieser Funktion ist und soll die Stiftskirche ein wichtiger Orientierungsort sein und bleiben. Kirche muss offene Türen haben, einladend sein! Ob durch Verkündigung, Seelsorge, wunderbare Musik, Kunst in der Kirche oder auch das Angebot der „Offenen Stiftsnächte“ – Soli Deo Gloria! - das ist ihr Wunsch!

Jetzt steht der Ruhestand an - unvorstellbar, wenn man der agilen Frau zusieht. Aber immerhin hatte sie seit dem Ende ihres offiziellen Arbeitslebens schon einen ganzen Monat Urlaub, in dessen Verlauf sie zwei Wochen in den Bergen wandern war. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebte sie den Bergfrühling in den Alpen. Bewundernd entdeckte sie Soldanellen, die ganz, wie es sich für Primelgewächse gehört – tapfer ihre zartlila gefederten Kelche durch die Schneedecke der Sonne entgegen reckten. „Das war wie ein Zeichen für den Aufbruch zu Neuem“; sagt sie. Beim Erzählen strahlen ihre Augen und ich beobachte, wie sie während unseres Gesprächs versucht, einem kleinen Marienkäfer mit verletztem Unterflügel ganz behutsam den Weg von ihrem Handgelenk auf eine Pflanze zu weisen.

Cornelia Götz ist mit allen Sinnen aufmerksam. Ob das anstrengend ist? „Es macht mir einfach Freude“, sagt sie. „Und es kommt ja auch so viel zurück.“ Als eines ihrer berührenden Erlebnisse der vergangenen sieben Jahre schildert sie die Begegnung mit einem schwer an Parkinson erkrankten Mann, dem sie immer wieder in der Vesperkirche begegnete. Jeder Schritt, jedes Wort bereiteten ihm unendliche Mühsal, durch einen starken Tremor in den Händen war jegliches Tun mühsam für ihn. Eines Tages erschien er mit einem flotten, modernen Haarschnitt, den sie gebührend bewunderte. „Das habe ich selbst gemacht“, bekundete süffisant lächelnd der Mann. Wie konnte das möglich sein? Voller Stolz kam die prompte Antwort: „Ich war früher Schweißer und habe gelernt mit Spiegel zu arbeiten.“


Zum Schluss noch ein paar Fragen der „anderen Art“:


Mein liebstes Fenster in der Stiftskirche ist das ...
... Fenster der Hoffnung von Hans-Gottfried von Stockhausen. Ein Fenster, das von Wundern Gottes im Leben und seiner Rettung erzählt!

Alpen oder Malediven?
Keine Frage: die Alpen! Für mich ist eine Bergbesteigung und dann von dort oben die Weite, die Ruhe, Gottes Schöpfung zu sehen, jedes Mal ein Highlight. Die Südafrikaner nennen ein Plateau der Drakensberge in Lesotho „God ́s Window“ – genau das empfinde ich dann: Weite, Überblick! Alle Probleme, das unstete Gewusel da unten weit unter mir!

Welcher Psalm oder Bibelvers trägt Sie?
„Wie wunderbar ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben“ (Psalm 36, Vers 8). Dieser Vers hat mich so oft ermutigt und gestärkt! Das frühgotische, vorreformatorische Werk in der Taufkapelle der Stiftskirche bringt dies auf seine Weise wunderbar zum Ausdruck. Ein Bild, das ich gerne auch bei Seelsorgegesprächen einbeziehe.

Die Konfirmanden zu begleiten, bedeutet für mich ...
... am Puls der Zeit bleiben. Für mich ist es ein Vorrecht junge Menschen ein Stück ihres Weges begleiten zu dürfen.

Die diesjährige Konfirmation wird ...
... in die Geschichte eingehen, weil mit dem Lock down auch im Konfi neue Wege gefunden werden mussten und unsere Gruppe sich darauf einließ und durchhielt!

E-Mail oder Postkarte?
Ohne E-Mail wäre der Berufsalltag nicht mehr zu denken, aber für die persönlichen Glückwünsche und besonderen Grüße schreibe ich viel lieber mit Tinte und Feder!

Taylor Swift oder Johann Sebastian Bach?
Ab und an höre ich gute aktuelle Songs, vor allem interessieren mich die Themen, die die Künstler*innen be- und verarbeiten. Aber wenn ich für Herz und Seele Musik hören möchte, dann ist mir Bach doch merklich kostbarer!

Käme eine gute Fee, die Ihnen einen Luxus-Wunsch erfüllen möchte, dann ...
... würde ich mich reihum zu meinen Freunden in Korea, Südafrika und Amerika beamen lassen, um sie wieder einmal zu sehen! (Denn lange Flugreisen sind alles andere als ein Vergnügen für mich.)