„Eigentlich bin ich ein alter Blechbläser“ – Kirchengemeinderat Jürgen Braun im Portrait

(23.07.2020) Nur ein paar Minuten Zuhörens bedarf es – und schon wird einem klar, welcher Vers zu Haltung und Ausstrahlung von Jürgen Braun passen könnte: Psalm 103, Vers 2: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.“

Die knitze Freude am Erkennen größerer Zusammenhänge und am Erleben, wie Gott ihn durch sein Leben führt, springt aus jedem Knopfloch und leuchtet aus seinen graublauen Augen.

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Gleichgültig, welch ́ schwierige Phasen er gemeinsam mit seiner Frau Bärbel durchgestanden hat - über jede Erfahrung resümiert er: „Als die vielen „Warum-Fragen“ dann endlich aufhörten, taten sich neue Türen auf; und ich spürte wieder, dass ich im Grunde genommen auf das Ereignis vorbereitet worden war. Oder einfach hindurchgeführt wurde.“ Ohne diesen starken Glauben, der in Richtung Gewissheit und Vertrauen geht, hätte man auch verzweifeln können.

„Der Zweifel gehört zum Menschen“, sagt Jürgen Braun bestimmt; „ohne Zweifel kommt man ja weder weiter noch wächst man.“ Verzweiflung ist sein Ding aber gewiss nicht. Nicht, als es fünf magere wirtschaftliche Jahre gab, nicht, als seine Eltern während ihres montäglichen Nachmittagsspaziergangs auf dem Bürgersteig von einem 18jährigen Fahranfänger zu Tode gefahren wurden. Der Schock saß tief. Die Erde stand still. „Das Leben“ schien ohne ihn weiter abzulaufen. Aber noch während die Polizisten ihm von dem tödlichen Unfall berichteten, fiel ihm ein, dass sein Bruder, selbst Polizist in Waiblingen, ihm einige Wochen zuvor geschildert hatte, wie er Eltern die Nachricht überbringen musste, dass ihr vierjähriges Kind mit seinem Schlitten unter einen Lastwagen geraten und gestorben war. Sein Bruder hatte ihm erzählt, was es zu beachten galt, auf was man vorbereitet sein müsse, wie man trösten oder den Schock mildern könne. Während dieser Schilderung rotierte bei Jürgen Braun der Gedanke: „Und was bedeutet es für mich als Christ, bei so etwas Schrecklichem Gottes Willen bejahen zu können?“ Genau dieser Gedanke, der ihn wochenlang beschäftigte, half ihm, den Tod seiner Eltern zu verkraften und den übrigen Familienmitgliedern behutsam nahezubringen. Und er erinnerte sich an seine Mutter, die immer, bevor sie das Haus verließ, das Geschirr (von Hand!) spülte. Den kopfschüttelnden Fragen der Kinder, ob das jetzt nötig sei, hielt sie stets entgegen: „Ich weiß nicht, ob ich wieder heimkomme.“ Jürgen Braun ist bis heute berührt von dem Vorbereitet-Werden durch Mutter und Bruder – und von Gottes Geleit.

Es ist schön zu wissen, dass der Kirchengemeinderat der Stiftskirche durch die Wahl Jürgen Brauns Ende 2019 einen so vertrauensvollen Eckpfeiler mit viel Lebenserfahrung dazu gewonnen hat. Und dabei gehören der Malermeister und seine Frau erst seit 2016 zur Stiftsgemeinde, wohnen sie doch in Burgstetten bei Backnang.

Durch ein Gespräch mit dem damaligen Kirchengemeinderatsvorsitzenden Albrecht Kobler beim Kirchenkaffee in der Unterkirche erlangten die beiden Gewissheit, dass sie in der Stiftsgemeinde am richtigen Platz sein würden.

Obwohl er sein Malergeschäft vor einigen Jahren dem ältesten Sohn Lukas übertragen hat, arbeitet Jürgen Braun „als zweiter Mann im Zwei-Mann-Betrieb“ meist mehr als 40 Stunden in der Woche. Durch die Selbstständigkeit genießt er jedoch die Freiheit, auch mal zwei, drei Stunden für sein Ehrenamt mittags Zeit zu haben, um dann abends oder am Wochenende das Verschobene nachzuholen. Zwischen Beruf und Ehrenamt oder Leidenschaft zu jonglieren, ist er gewohnt: Er leitete jahrzehntelang einen Gemeindechor und war bis vor sechs Jahren begeisterter Blechbläser im Posaunenchor: „Fast 50 Jahre lang spielte ich Trompete; eigentlich bin ich ein richtig alter Blechbläser!“ erzählt er begeistert. Gelernt hat er - nach der musikalischen Grundausbildung im Posaunenchor, den sein Vater leitete - unter anderem bei Heinz Burum, einem Trompeter des Württembergischen Staatstheaters Stuttgart, der auch an der Musikhochschule in Stuttgart unterrichtete, zahlreiche Bücher über Metallblasinstrumente verfasste und als „Kammervirtuose“ pensioniert wurde.

Sein Engagement hat er vererbt: Tochter Lea hat sich unter anderem der populären Kirchenmusik verschrieben, und der Jüngste, Joris, ist wie Jürgen Braun, ganz der klassischen Kirchenmusik mit Blechblasinstrumenten und Orgel verfallen, hat aber auch gemeinsam mit Gleichgesinnten ein eigenes Chorensemble aus ehemaligen Mitgliedern des Landesjugendchores Baden Württemberg gegründet.

Auch handwerklich lebt er seine Kreativität aus. Szenen aus dem Leben Paul Gerhards hat er in Schattenspiele umgewandelt und tüftelte lange, bis er die richtige „Funzel“ hatte, die dann klar konturierte Schatten auf die weiße Leinwand zauberte.

Das Zusammenspiel verschiedener Pigmente, Silberplättchen und Farben, vor allem bei der Entwicklung von Metallic-Farben, das er während seiner fünfjährigen Tätigkeitin einer Lackfabrik in Zuffenhausen zu verstehen gelernt hatte, fasziniert ihn bis heute. „Maschinen sind schon toll – aber der Computer kann nur 90 % selbst machen, fürs Feinabstimmen braucht es immer noch das menschliche Auge“, erzählter. Kein Pigment gleicht dem anderen. Das ist fast wie bei den Menschen: „Wie schön, dass wir so unterschiedliche Fähigkeiten haben!“.

Kennen gelernt hatten sich der in Stuttgart geborene Jürgen Braun und seine Frau im damaligen Ökumenischen Wesley-Singkreis Stuttgart. „Bärbel war damals als Gemeindeschwester der Evangelisch-methodistischen Kirche in Stuttgart / Bad Cannstatt tätig.“ Als Tochter eines EmK-Pastors war sie in verschiedenen Städten der Republik aufgewachsen. In Bad Cannstatt ließen sich die beiden 1987 trauen, die Hochzeitsgesellschaft feierte im Otto-Riethmüller-Haus das große Ereignis. Die ersten Ehejahrzehnte waren sie dann in der EmK Wüstenrot aktiv; er auch in der Bezirkskonferenz. Dann spürten beide, dass Gott Neues - oder gar in Wirklichkeit: Uraltes? - mit ihnen vorhat und ließen sich voller Vertrauen von ihm führen. „Als dann vor einigen Jahren die Stiftsgemeinde ihr Sommerfest im Otto-Riethmüller-Haus feierte, war das für uns nochmals wie ein emotionaler Anknüpfungspunkt“, strahlt Jürgen Braun. Er bringt sich gerne ein in die Gemeindearbeit – egal, ob beim Begrüßungsdienst oder aktuell bei den „Stiftsmännern“: Gemeinschaft ist ihm wichtig.

„Kirche lebt davon!“ sagt er, um gleich noch ein passendes Bild mit Worten zu malen: „<Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt ...> ist das Lied, das genau beschreibt, was eine lebensbejahende, fröhliche Kirchengemeinde ausmacht. Im dritten Vers heißt es: <Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein, sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein. Ein jeder stehe, wo er steht und tue seine Pflicht; wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, gelingt das Ganze nicht. Und was die Mannschaft auf dem Schiff ganz fest zusammenschweißt in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist>.“

Und statt den Mitgliederschwund zu beklagen oder sorgenvoll auf den derzeitigen Generationenwechsel im Ehrenamt zu schauen, packt er lieber fröhlich mit an und agiert als Vorbild. So - vermutlich nur so - könnte Nachwuchs „angesteckt“ werden.

Da ist es nur konsequent, dass er der Stiftskirchengemeinde – hätte er denn einen Wunsch frei – begeisterte junge und „mittelalte“ Aktive wünscht. Und dass die Verkündigung die Krone der Gottesdienste bleibt. Für sich selbst hat er nur den Wunsch, genügend Kraft unter Gottes Segen für seine vielfältigen Aufgaben zu bekommen. Eine kam erst vor kurzem dazu: per E-Mail erfuhr er, dass er in den Bau-Ausschuss des Gesamtkirchengemeinderates gewählt wurde. „Ich freue mich darüber riesig!“ strahlt er.

Und man glaubt es ihm aufs Wort.

Der eingangs erwähnte Psalm 103, Vers 2 ist übrigens sein Konfirmationsspruch.

Passender hätte er nicht sein können ...


Und hier noch einige Fragen der „anderen Art“:


Ihre Lieblingsfarbe ist ...
Rot!

Fenster- oder Gangplatz?
Fenster – schon wegen der Aussicht und der Freiheitsgefühle.

Trollinger, Chardonnay oder Weizen?
Lemberger!

Eine Posaune würde ich ...
... sofort in eine Trompete tauschen; sie ist für mich neben der Orgel die Königin der Instrumente. Wenn Sie eine Bachkantate hören, dann spüren Sie den Glanz – tonal und optisch!

Mein Lieblingsfilm?
„Die Feuerzangenbowle“.

Alpen oder Nordsee?
Beides - immer schön abwechselnd.

Das letzte, was ich abends tue, bevor ich einschlafe, ist ...
... danken und bitten – also: beten.

Begegnen würde ich für mein Leben gerne mal ...
... Johann Sebastian Bach!

Martin Luther würde heute vermutlich ...
... seine Meinung zu allen möglichen gesellschaftlichen und politischen Themen so klar und authentisch kundtun wie damals.

Vertrauen heißt für mich ...
... sich fallen lassen, geborgen sein und Unbekanntem gegenüber offen sein.