Die Liebe Gottes: eine wärmende Sonne – Ein Portrait der Kirchengemeinderätin Dr. Beate Ceranski

(25.06.2019) Der Frage nach ihrem Zuhause folgen erst kurzes Überlegen und dann die Gegenfrage: „Welches Zuhause ist jetzt gemeint?“ Für eine gläubige Protestantin eine berechtigte Nachfrage. Denn von Gott sind wir geschaffen. Geburtsstadt oder Wohnort spielen da zunächst eine – nennen wir es: wesentliche Nebenrolle. Dr. Beate Ceranski begründet die Nachfrage aber mehrschichtig: Nicht nur die geistliche Prägung und die faktische Herkunft sind ihr wichtig – auch ihre berufliche Beheimatung und die Herkunft ihrer Eltern. Vierdimensional könnte man die Antwort daher am Schluss des Gesprächs beschreiben. Und das ist nur ein Beispiel für das Denken, Tun und Sein der Kirchengemeinderätin.

Vor knapp zwölf Jahren wurde Dr. Beate Ceranski in den Kirchengemeinderat (KGR) der Stiftskirche Stuttgart gewählt. Im Wahljahr waren ihre beiden Kinder noch relativ klein; so lag es nahe, weiterhin den Kindergottesdienst mitzugestalten, wie sie es seit 2004 bereits gemacht hatte. Ihre zweite Aufgabe war und ist noch immer die Führung des Protokolls. Der passionierten Klavierspielerin, die schon als Jugendliche lernte, die Parallelen zwischen weißen und schwarzen Elfenbeintasten und der Kunststoff-Tastatur des PC sinnvoll zu nutzen, fiel das leicht. Ihr Notebook ist eigentlich immer gemeinsam mit ihr unterwegs: entweder in der geräumigen Lederhandtasche oder in der wasserabweisenden Satteltasche am Fahrrad. So nutzt sie Kaffeepausen oder Zuhör-Phasen während Sitzungen, um am Laptop zu arbeiten. Oder sie strickt. Multitasking gehört zu Dr. Beate Ceranski wie ihre hellwachen, an allem funkelnd interessierten Augen.

190624 CeranskiEine weitere Aufgabe im KGR kam vor bald drei Jahren dazu: Gemeinsam mit Pfarrer Matthias Vosseler und Kirchengemeinderätin Heidi Heinemann bildet sie den „Kirchenflügel“ des Homepage-Teams der Stiftskirchengemeinde. Die Gemeindearbeit und die Verkündigung des Evangeliums sind der gebürtigen Nordrhein-Westfälin an ihrem Ehrenamt am wichtigsten. „Als Innenstadtgemeinde sind wir anders gefordert als eine Randbezirks- oder eine Dorfgemeinde. Wir leben in der Stiftskirche eine Doppelaufgabe, die großartige Veranstaltungen und phantastische Kirchenmusik beinhaltet und einer anderen Sprachfähigkeit bedarf – und dennoch muss die Verkündung des Evangeliums das zentrale Anliegen bleiben“, meint sie.

Dr. Beate Ceranski ist trotz (oder wegen?) ihrer Ausbildung die Botschaft Gottes das Wichtigste im Kirchenleben. Hatte sie in der Schulzeit sowohl mit Wörtern als auch mit Musik und Zahlen jongliert, entschied sie sich nach dem Abitur für das Studium der Mathematik und Physik in Bonn. Als sie spürte, dass Mathe und Physik zwar Spaß machten, auf die Dauer aber zu einseitig waren, stieg sie nebenher in das Studium der evangelischen Theologie (Lehramt) ein und holte erst einmal das Graecum nach. Dazu kam, für das Lehramt in Nordrhein-Westfalen verpflichtend, ein gerütteltes Maß an Philosophie, Psychologie und Pädagogik. Das Studium wurde abwechslungsreich und vielseitig, die Suche nach dem geistig-intellektuellen Zuhause war jedoch noch nicht beendet.

Das änderte sich während eines einzigen Telefonates: Auf der Suche nach einem geeigneten Dissertationsthema war sie auf das ziemlich unbekannte und nur an wenigen Universitäten vertretene Fach „Geschichte der Naturwissenschaften“ gestoßen – das klang gut. Die Handvoll Universitäten, die das Fach anboten, wurden kontaktiert. Ihr Telefonpartner in Hamburg nannte der jungen Akademikerin ein noch unerforschtes und reizvolles Thema: über die allererste Professorin Europas zu promovieren. Als er Beate Ceranski in wenigen Sätzen über die ihr noch unbekannte italienische Physikerin Laura Bassi erzählte, entflammte in ihr eine solche Begeisterung, dass am Schluss des Telefonates fünf Dinge feststanden: der Doktorvater, das Promotionsthema, die Finanzierung über ein Stipendium, ein Forschungsaufenthalt in Bologna – und das Gefühl, „Heimat“ gefunden zu haben! „Das war wie nach Hause kommen – nach einer langen, langen Suche“ erzählt sie – und die Freude darüber ist noch immer spürbar, wenn sie davon erzählt. Für sie ist es Gottes Fügung, ihre berufliche Heimat entdeckt zu haben; definitiv eine ganz persönliche Berufungsgeschichte.

In der Folge lernte sie Italienisch (wie hilfreich war da doch das große Latinum!) und bezog bald am Stadtrand von Bologna ein freies Zimmer bei einer reizenden Dame. Diese brachte ihr en passant bei, Tortellini und andere Leckereien selbst herzustellen. Ein schöner und schmackhafter Ausgleich für das konzentrierte Durchforsten der Archive und das Übersetzen handschriftlicher lateinischer Manuskripte der italienischen Professorin Laura Bassi. Und ein bewusstes Weiterentwickeln der Lebensweise ihrer masurischen Herkunftsfamilie: möglichst unbehandelte Lebensmittel liebevoll zu einem schmackhaften gesunden Mahl zu bereiten, Gott dafür zu danken und all das als ein Geschenk anzusehen, hat sie von ihren Eltern wie selbstverständlich übernommen.

Den Hamburger Jahren folgte nach der Promotion die Anstellung Beate Ceranskis als Assistentin, später als Akademische Rätin an der Universität Stuttgart. Seit mehr als zwanzig Jahren forscht und organisiert sie, lehrt, berät und begleitet Studierende, korrigiert Klausuren und betreut, nun selbst Doktormutter, Forschungsarbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses. Daneben bringt sie durchschnittlich geschätzte sechs Stunden in der Woche für ihr Engagement in der Stiftskirche auf. Ist das nicht ein bisschen viel – neben Vollzeitberuf und Familie?

„Im Moment macht es richtig Freude – das Zusammenwirken im Kirchengemeinderat ist sehr harmonisch, und das tut bei der vielen Arbeit gut“, sagt die Akademische Oberrätin. Es gab auch anstrengendere Phasen – wie die Zeit der Vakatur, bevor Matthias Vosseler Stiftspfarrer wurde. Besonders die alljährliche Feier der Osternacht sowie die Predigtreihen mit Professor Dr. Hans-Joachim Eckstein sind für sie berührende, wesentliche Momente in der Stiftskirche. So hält sie auch die für sie schwierigeren Themen aus. Schmerzlich vermisst sie die Möglichkeit, in der Gemeinde eine aktive Jugendarbeit vor und nach der Konfirmation zu gestalten. Dass die abwandernden Familien in anderen Gemeinden eine lebendige gute Heimat finden, ist da nur ein schwacher Trost.

Der Kindergottesdienst ist ein Herzensanliegen geblieben. Sie liebt das Erzählen der biblischen Geschichten, schreibt oft selbst ein Anspiel dazu. „Wenn sich kleine und große Menschen von der guten Nachricht erzählen lassen, berührt das Erzählende und Hörende in einer Tiefe, die ansteckend wirkt. Das strahlt nach außen; das wirkt einladend – und man möchte sich einfach dazu unter die wärmende Sonne der Liebe Gottes stellen“, stellt die Privatdozentin fest. Die einzigartigen Möglichkeiten, die das zentral gelegene und wunderschön renovierte Kirchengebäude im wahrsten Sinn des Wortes öffnet, mit den übrigen Arbeitsbereichen der Kirchengemeinde in Balance zu halten, gehört für sie zu den besonderen Herausforderungen des Gemeindelebens bei „Stifts“.

Was wünscht sich die Kirchengemeinderätin? „Dass die Stiftskirche ein Ort klarer, einladender Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi bleiben darf. Die Deutlichkeit der Botschaft muss bleiben“, sagt sie. Dass das nicht immer en vogue ist, nimmt sie in Kauf: „In der Liebe gelebte heilige Einfalt darf durchaus an der Seite der – ebenfalls wichtigen und unbedingt zu bejahenden – Pflichten einer kulturbürgerlichen Hauptkirche stehen“.

Sie selbst zieht ihre Kraft, aber auch den Mut zu einer kritischen Selbstreflexion aus ihrem Lieblingspsalm 139. Dabei empfindet sie ihre Situation insgesamt als sehr privilegiert: „Wie ich hier leben darf – mit meiner Familie, meinem Beruf, dem Ehrenamt, den Freunden in Frieden – das ist ein unglaubliches Geschenk.“

Während des Studiums lernte sie in der Bonner SMD ihren Mann Christoph kennen. Dr. Christoph Hoeger – beide haben ihre Namen beim Heiraten vor inzwischen 25 Jahren behalten – ist ebenfalls Physiker und bringt sich unter anderem mit seiner Leidenschaft für Photografie im Gemeindeleben der Stiftskirche ein. Ihre beiden Kinder amüsieren sich über die harmonische Ergänzung der Eltern: Ringt der Papa mit seinen diversen Objektiven um die beste Einstellung und Tiefenschärfe, greift die Mama flugs zum Strickzeug, bis die Aufnahme im Kasten ist. „Für das gemeinsame Wandern ist ein Sockenprojekt die perfekte Lösung“, grinst sie, „und außerdem macht mein Mann wunderschöne Photos von meinen gestrickten Werken.“ Aber auch in vielen Alltagssituationen genießt sie die kreativen Möglichkeiten, die aus Nadeln und Wolle erwachsen. „Stricken zentriert mich, es entspannt – und ich nutze so „zwischendurch“ viele kostbare Minuten meines Lebens“.

Wenn im Herbst beide Kinder das Nest verlassen haben, wird sich der Alltag noch einmal verändern. Berufliche Großprojekte, die Begleitung der Kinder im Studium und der pflegebedürftigen Mutter und, natürlich, die Mitarbeit in der Stiftsgemeinde, lassen aber auch langfristig keine Langeweile erwarten. Und das Bewusstsein, vom Vater im Himmel ungeheuer reich beschenkt zu sein, wird die Kirchengemeinderätin auch weiterhin begleiten.

Und hier noch ein paar Fragen der „besonderen Art“:

Mandel- oder Haselnussplätzchen?
Tja, eine Nuss-Allergikerin hat da eine klare Antwort: Mandel!

Führen oder Geführtwerden?
Beides – das ist kontextabhängig.

Die Jugend von heute ist …
... nicht zu beneiden angesichts des Wissens, dass der Lebensstil der voran gegangenen Generationen ihre Lebensmöglichkeiten massiv bedroht.

London oder Paris?
Beides. Und unbedingt der nordenglische Lake District.

Wanderrucksack oder Strandkorb?
Hauptsache, das Strickzeug passt hinein!

Bestrickend, gestickt oder gehäkelt?
Ganz klar: Stricken ist bestrickend:-)

Photografieren bedeutet für mich …
… den mir anvertrauten begnadeten Photografen an meiner Seite zu fragen: „Könntest Du bitte ein Bild machen von….?“

Je intelligenter ein Mensch ist, desto …
… oh, da möchte ich mit Lukas 12,48 antworten: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“

Beate heißt „die Glückliche“; mein Name passt sehr gut zu mir, weil …
…. nicht „weil“, sondern Punkt. So ist es.

 

Photo: Dr. Christoph Hoeger